Bruce Lee
* Nov. 1940, San Fransisco USA
† Juli 1973, Hong Kong
Die grundlegende Theorie von Yin und Yang in der Kunst des Kung Fu
von Bruce Lee (Übersetzt von K.R. Kernspecht)
Ich glaube, dass der Leser großen Nutzen aus dieser chinesischen
Lebensanschauung ziehen wird. Höchstwahrscheinlich werden sich sogar die
Techniken des Kung Fu- Kämpfers (egal welcher Stil) erheblich
verbessern. Die Struktur des Kung Fu gründet sich auf die Theorie des
Yin & Yang, ein Paar von sich gegenseitig ergänzenden Kräften, die
unentwegt in diesem Universum tätig sind. Diese chinesische
Lebensanschauung kann auf alles Mögliche angewandt werden, aber hier
interessieren wir uns nur für die Beziehung von Yin/Yang zur Kung
Fu-Kunst. Der schwarze Teil des Kreises wird Yin genannt. Yin kann
bezeichnet im Universum so verschiedene Dinge wie: Negatives,
Passivität, Sanftheit, Zartheit, Zärtlichkeit, Nichtvorhandensein,
Weibliches, Mond, Dunkelheit, Nacht usw. Der übrige (ergänzende) Teil
des Kreises ist Yang. Yang repräsentiert Positives, Aktivität,
Festigkeit, Härte, Greifbares, Männliches, Sonne, Helligkeit, Tag usw..
Viele Leute machen den Fehler, das Yin/ Yang-Symbol für dualistisch zu
halten, etwa so, als wäre Yang das Gegenteil von Yin und umgekehrt.
Solange, wie wir diese "Einheit" teilen (in Yin und Yang) werden wir
nichts erreichen. Tatsächlich haben alle Dinge ihren komplementären
(ergänzenden) Teil. Es ist nur der menschliche Geist, der die Dinge in
ihre Gegensätze teilt. Die Sonne ist nicht das Gegenteil des Mondes, sie
ergänzen sich und hängen von einander ab, so dass wir nicht ohne einen
der beiden überleben können. Auf eine ähnliche Art und Weise ist der
Mann nur die Ergänzung der Frau. Denn ohne Mann, wie sollte man da
wissen, was eine Frau ist. Die "Einheit" von Yin/Yang ist eine
Lebensnotwendigkeit. Wenn ein Fahrradfahrer vorankommen will, kann er
nicht auf beide Pedale zur gleichen Zeit treten oder etwa gar nicht
treten. Um voranzukommen, muss er auf ein Pedal treten und das andere
freilassen. So erfordert ein Vorankommen die "Einheit" von Pedal-Treten
und Pedal-Freilassen. So ist das Treten nur möglich, wenn das andere
Pedal losgelassen wird. Das eine ist die Ursache des anderen. Im
Yin/Yang-Symbol gibt es einen weißen Fleck im schwarzen Teil und einen
schwarzen Fleck im weißen Teil. Dies soll die Balance, die
Ausgewogenheit im Leben darstellen. Nichts Extremes, sei es negativ oder
positiv, kann auf Dauer überleben. Deshalb muss sich Härte in Weiches
kleiden (Unterarme wie Bleirohre umwickelt mit Watte. Anm. des
Herausgebers) und Weiches hinter Härte verbergen. Deshalb soll ein Kung
Fu-Mann elastisch wie eine (Stahl)Feder sein. Der starre Baum kann
leicht gebrochen werden, während z.B. Bambus sich mit dem Wind biegt.
Deshalb muss man im Kung Fu, oder jedem anderen System, weich sein, aber
nicht völlig nachgeben. Sei fest, aber nicht hart. Und wer stark ist,
soll seine Stärke mit Sanftheit umkleiden. Denn wo keine Weichheit mit
der Festigkeit ist, da ist keine wahre Stärke. Wer seine Festigkeit
hinter Weichheit verbirgt, dessen Abwehr kann nicht durchbrochen werden.
Dieses Prinzip der Mäßigung ist uns ein guter Schutz zur
Selbsterhaltung. Lasst uns die Einheit von Yin/Yang überall erkennen,
dann geraten wir nicht in Gefahr in Extreme zu fallen. Selbst wenn wir
dann zu einem Extrem neigen, sei es negativ oder positiv, werden wir
nicht daran kleben (ding), sondern einfach "mitfließen" (flow), um es
(das Extrem) ständig zu kontrollieren. Dieses "Mitfließen" ohne daran zu
kleben, ist der wahre Weg, um sich davon (vom Extrem) zu befreien. Wenn
ein Kung Fu-Mann die Theorie des Yin/Yang ganz verstanden hat, dann
macht er sich keine Gedanken mehr über "Weichheit" oder Härte, er
handelt dann einfach so, wie es die Situation erfordert. Dann sind alle
konventionellen Formen oder Techniken unwichtig, seine Bewegungen sind
dann ganz natürlich und einfach. Er muss dann keine Geister oder innere
Kräfte zu Hilfe rufen oder sich auf den Kampf einrichten, wie so viele
andere Meister. Seine Beschäftigung mit der Kampfkunst mündete
schließlich in Einfachheit, und nur halb-gebildete Menschen haben es
nötig anzugeben.
(Quelle WT-Welt 4, Übersetzung: K.R. Kernspecht)